Jahresrückblick zu Naziaktivitäten 2001:
Nazis entdecken die Partei
Auch im Jahr 2001 sorgten Neonazis im Kanton Bern für Schlagzeilen - vor allem mit Gewalt: Der Mordfall von Allmen in Unterseen, der Solterpolter-Prozess in Bern. Doch eigentlich möchten die Naziskins ihr Schlägerimage ganz gerne loswerden und sich der seriösen (Partei-)Politik widmen. In Bern greift die NPS zu den Sternen - und wohl mehr ins Leere, in Basel versucht die PNOS ihr Glück. Ein gewiss parteiischer Jahresrückblick.
Das Jahr 2001 hat den Naziskins - zumindest im Kanton Bern - einigen Ärger gebracht und das weitere Anwachsen der nationalistischen Szene im Kanton vorläufig gebremst. Zwei Ereignisse haben entscheidend dazu beigetragen: Ende Januar 2001 wird der 19-jährige Marcel von Allmen aus Unterseen bei Interlaken Opfer einer Abrechnung innerhalb der rechten Szene. Wochen später wird seine Leiche aus dem Thunersee gefischt, vier seiner Kollegen vom "Orden der arischen Ritter" geben zu, von Allmen brutal ermordet zu haben, weil er zu viel herumerzählt habe. Die Öffentlichkeit reagiert schockiert auf die entsetzliche Tat. Rechtsextreme Gewalt wird Anfang Oktober 2001 ein zweites Mal zum ganz grossen Thema: In Bern geht der Prozess gegen drei Naziskins über die Bühne, die im Sommer 2000 Sturmgewehrsalven auf die alternative Stadtberner Wohngemeinschaft "Solterpolter" gefeuert hatten, respektive beim Angriff dabei gewesen waren. Das Urteil: Die zwei Schützen, Simon Vogt aus Ittigen und Stefan Benninger aus Bern-Bümpliz, werden wegen versuchter Tötung zu je fünf Jahren Zuchthaus verurteilt, der dritte Angeschuldigte Reto Gasser aus Wabern kommt mit 18 Monaten Gefängnis bedingt relativ glimpflich davon.
Nachdenkliche Nazis?
Haben diese Gewaltexzesse unter den Berner Neonazis Nachdenklichkeit ausgelöst? Die Kantonspolizei Bern jedenfalls will solcherlei festgestellt haben und spricht von einem Rückgang rechtsextremer Gewalttaten. Schenkt man den neusten Zahlen der Behörden Glauben, so stagniert die rechtsextreme Szene auf hohem Niveau: Die Zahl der registrierten Naziskins verharrt bei rund 180 Personen - im schweizerischen Vergleich nach wie vor eine ausgesprochen hohe Anzahl. Wie dem auch sei, Grund zur Entwarnung gibt es keinen: Die Naziszene im Kanton blieb auch im letzten Jahr sehr aktiv, organisierte mehrere Partys - bekannt wurden etwa ein Treffen im Fischereipark in Worben, eine grössere Veranstaltung in der Mehrzweckhalle Dürrenroth mit weit über hundert Teilnehmern und eine kleinere Naziparty im Bahnhof Burgdorf-Steinhof. In den Regionen Bern, Burgdorf, Thun und Lyss-Büren haben sich lokale Naziskin-Cliquen festgesetzt und etabliert.
"No one likes us"
Auch 2001 prügelten Neonazis gegen Andersdenkende. Nicht wenige der Zwischenfälle trugen sich in der Region Bern zu, Tatort war oft der Bahnhof: In Münchenbuchsee und Schüpfen zettelten Rechtsextreme im Frühling rund um den Bahnhof mehrfach Schlägereien an. Am Bahnhof Zollikofen wurde ein Jugendlicher vom vorbestraften Münchenbuchser Naziskin Martin Roth und dessen Kollegen verprügelt. Im Sommer schliesslich provozierten rund fünfzehn Skins aus der Region Bern wilde Schlägereien auf dem Campingplatz in Yverdon. Fazit: Rauswurf und abruptes Ferienende. Ungemütlich ist die Situation weiterhin in Burgdorf - da half bislang auch die Öffentlichkeitsarbeit der Burgdorfer Bürgerbewegung "Courage" wenig: Immer wieder werden Jugendliche von Naziskins tätlich angegriffen, Anfang September erlitt ein Gymnasiast bei einem Naziübergriff eine Rissquetschwunde am Ohr. Zu Zwischenfällen zwischen Neonazi-Gruppen und ausländischen Jugendcliquen kam es schliesslich auch im Selve-Areal, der Thuner Vergnügungsmeile. Tummelplatz für Naziskins und Hools sind nach wie vor die Spiele der Sportclubs Young Boys und SC Bern. "No one likes us" lautet das Motto der YB-Hooligan-Gruppe "East Side". Das dem so ist, dafür sorgen - vor allem an den Auswärtsspielen - rund 30 bis 50 Naziskins und Hools mit handfesten Argumenten.
Jung und patriotisch
Vielleicht deutlicher als im Kanton Bern haben die Neonazis 2001 ihre "Erfolgsstory" schweizweit fortgesetzt. Die Szene wächst seit Mitte der Neunzigerjahre stetig an, dieser Trend bleibt auch im letzten Jahr ungebrochen. Die Bundespolizei korrigiert ihre Zahlen laufend nach oben und spricht im jüngsten Staatsschutzbericht nun von gegen tausend ihr bekannten Rechtsextremisten. Rechnet man auch die Hoolszene dazu - viele der Hooligans bewegen sich in einem rechtsextremen oder zumindest patriotisch-nationalistischen Umfeld - so dürften es weit mehr sein. Vor allem zwei Phänomene stechen ins Auge: Das Durchschnittsalter der Szene sinkt. Viele Jugendliche sind bei den ersten Kontakten mit Neonazicliquen gerademal vierzehn oder fünfzehn Jahre alt. Auch steigt der Anteil der Frauen in der rechtsextremen Bewegung - eine Tatsache, der gerade in den Medien noch immer zu wenig Beachtung geschenkt wird.
Bestärkt durch die politische Grosswetterlage - die Wahl- und Abstimmungserfolge der nationalkonservativen Bewegung unter Führung der SVP und die Entsolidarisierungstendenzen in der Gesellschaft - drängen rechtsextreme Klüngel vermehrt an die (politische) Öffentlichkeit. Man ist bestrebt, auch parteipolitisch eine Rolle zu spielen, und will sich mit öffentlichen Auftritten Schlagzeilen in den Medien sichern. Nicht immer gelingt das wunschgemäss, der Aufmarsch am 1. August in Interlaken etwa, wo der damalige Bundespräsident Leuenberger vor 1600 Pfadfinderinnen und Pfadfindern eine Rede hielt, ging gründlich in die Hose: Als rund 60 Naziskins versuchen, Leuenberger auszubuhen, werden sie von den Pfadis übertönt und zum Abziehen gezwungen.
Nationalrat Mulas?
In der deutschen Schweiz buhlen derzeit zwei parteiähnliche Nazi-Organisationen um die Gunst der Naziskins und rechtsgesinnten Jugendlichen: Die Nationale Partei Schweiz (NPS) um den Berner David Mulas und vor allem die Partei National Orientierter Schweizer (PNOS) um Sacha Kunz in der Region Basel. Beide Parteien hegen hehre Ziele, wollen an (Nationalrats-)Wahlen teilnehmen und orientieren sich an der rechtsextremen Nationaldemokratischen Partei Deutschland (NPD). Von deren Parteistärke sind sie - zum Glück - noch meilenweit entfernt: Der grössenwahnsinnige NPS-Chef Mulas kämpft mit seinem wirren Parteiprogramm - ein bizarrer Mix aus Patriotismus und Sozialismus - gegen die Bedeutungslosigkeit und gegen die Isolation in der eigenen Szene. Mit anderen Problemen muss sich PNOS-Anführer Sacha Kunz herumschlagen: Sein Projekt, ein Laden mit Skinhead-Klamotten, Reichskriegsflaggen und Neonazimusik in Rheinfelden, scheiterte bereits vor der Eröffnung am heftigen Widerstand in der Bevölkerung. Kunz will über hundert Mitglieder in seiner Partei versammelt wissen, die er mit Gleichgesinnten im September 2000 ins Leben rief. Parteimitglied ist unter anderem der bekannte Schweizer Holocaust-Leugner Bernhard Schaub. Bereits gibt es PNOS-Ableger in Bern und Zürich.
Nazis auf die Schulbank!
(Partei-)Politik setzt entsprechende Bildung voraus - dies hat man in den Reihen der Neonazis erkannt. Im Frühling etwa rief die Sektion Romandie der internationalen rassistischen Skinhead-Bewegung "Blood and Honour" per eMail-Newsletter dazu auf, sich politisches Wissen und Bildung anzueignen und einschlägige Vortragsabende zu besuchen. Solche Abende bietet etwa der rechtsextreme Diskussionszirkel "Avalon" um den langjährigen Berner Neonazi Roger Wüthrich an. Die Schweizer Demokraten (SD) schrecken ebenfalls nicht davor zurück, Naziskins zu schulen. Als Berner Antifas Ende Oktober eine SD-Informationsveranstaltung in Bern stören, treffen sie dort vor allem auf kahlgeschorene Jugendliche in Vollmontur. Auch Sacha Kunz hat sich bereits als Organisator eines Vortragsabends hervorgetan: Am 8. Dezember fand in Basel eine PNOS-Veranstaltung mit einem NPD-Abgesandten und Bernhard Schaub als Redner statt. Themen des Abends: "Zeitbombe Nahost" und "Volksstaat und Zukunft".
Hinterland Schweiz
Vielbesuchtes Land: Die europäische Neonaziszene greift gerne auf die Schweiz zurück, wenn es darum geht, Auftrittsmöglichkeiten für Neonazi-Bands zu finden. Was anderenorts - zum Beispiel in Deutschland - durch die Behörden längst energisch unterbunden wird, kann hier ungestört stattfinden: Naziskinkonzerte, Liederabende oder Partys mit mehreren hundert Besucherinnen und Besuchern. Eine Reihe solcher Happenings gingen auch 2001 in der Schweiz über die Bühne - manchmal im privaten Rahmen, meist irgendwo in einem unter falschen Angaben gemieteten Gemeindesaal oder Restaurant. Grösster solcher Anlass im letzten Jahr war ein Nazikonzert mit fünf Bands aus Deutschland und den USA in der Reit- und Sporthalle Sarnen. Über 700 Personen besuchten Ende September das Konzert, die Hälfte davon stammte aus Deutschland. Daneben fanden grössere Partys in Mels (SG, 600 Naziskins), Unterengstringen (ZH, rund 350 Teilnehmende), in Müllheim (TG, rund 200 Naziskins), Heiden (AR, 150 Teilnehmende) statt. Meist lässt es die Polizei bei Personen- und Fahrzeugkontrollen bewenden. Die Schweiz als Tummelfeld für internationale Naziskinhorden? Bundesbern will nun reagieren: Das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) ist daran, die gesetzlichen Voraussetzungen auszuarbeiten, um auch rassistische Symbole und Gesten zu verbieten. Geprüft wird weiter ein Verbot privater Neonazianlässe.
Dritte Halbzeit, viertes Drittel
Üble Szenen spielen sich derzeit in und um die Sportstadien ab. Was sich schon länger abzeichnete, ist nun voll eingetreten: Neonazis haben sich mit der Hooliganszene durchmischt - zu einem rassistischen und auch gewaltbereiten Mob. Fast alle grösseren Schweizer Fussball- und Eishockeyclubs kennen ein Hooligan-Problem. Besonders arg ist die Situation im Fan-Anhang des FC Basel, wo sich mittlerweile einige hundert Naziskins und Hools versammeln - mit allem Drumunddran: Einschlägige Abzeichen, rassistische Parolen und Übergriffe gegen andere Fans und Andersdenkende. Bisher heftigstes Beispiel: Der Angriff von rund 300 Basler Hooligans und Naziskins auf das Kulturzentrum Reitschule in Bern Anfang November. Bilanz: 10'000 Sachschaden am Gebäude durch Flaschen- und Steinwürfe. Beim FC Basel gibt man inzwischen Gegensteuer: Der Club lässt seine Fans künftig durch eine Sicherheitsfirma an Auswärtsspiele begleiten. Auch wird die Zusammenarbeit mit der Polizei vertieft. In den FCB-Fansektor auswärts kommt man nur noch mit einem "Fan-Pass". Fast schon ein Ritual sind die Ausschreitungen nach den Eishockey-Play-off-Begegnungen zwischen den ZSC Lions und dem HC Lugano: In unschöner Regelmässigkeit prügeln sich Zürcher und Tessiner Hools miteinander und mit der Polizei.
2002 - nazifrei!
Es bleibt viel zu tun - auch 2002: Mit gesprayten Parolen und Aufklebern gegen Linke versuchen Naziskins seit vergangenem Dezember, in der Stadt Bern und den umliegenden Gemeinden an Terrain zurückzugewinnen. Das Anbringen von Aufklebern - unter anderem ist darauf ein Männchen mit Hitlergruss abgebildet - wurde offenbar zur Chefsache erklärt: NPS-Anführer Mulas himself wurde bei solcherlei Aktivitäten in flagranti ertappt. Angespannt ist die Situation im Bahnhof Bern, wo es an Wochenenden wieder vermehrt zu Konfrontationen zwischen Punks und Naziskins, die sich ihrerseits mit den Gabbers (Hardcore-Techno-Szene) verbandelt haben, kommt. Auch ein erstes Nazitreffen gilt es in der Region zu vermelden: Am 11. Januar versammelten sich in Niederwangen bis zu fünfzig Glatzen.
2002 - nazifrei! Das Bündnis "Alle gegen Rechts" und die Antifa Bern werden sich auch weiterhin für eine solidarische und antirassistische Gesellschaft einsetzen und Naziaktivitäten energisch entgegentreten. Möglichkeiten und Mittel, sich für eine Welt ohne Nazis und Rechtsextremisten zu engagieren, gibt es viele. Fürs Erste rufen wir für den 16. März 2002 zum dritten Antifaschistischen Abendspaziergang in Bern auf.Heraus auf die Strasse - Nazis schachmatt setzen!