Mittwoch, 09.08.2006

Heute Abend haben wir vor dem Knast in Moutier für den in Aussschaffungshaft sitzenden politischen Aktivisten Erdogan E. ein Konzert gespielt. Wir verstehen diese Aktion als Ausdruck unserer Solidarität mit Erdogan E. und hoffen, seinen tristen Gefängnisaufenthalt damit ein bisschen abwechslungsreicher gemacht zu haben.

Es war ein kraftvoller Besuch, bei welchem sich über hundert Personen mit Erdogan E. solidarisierten. Es gab zahlreiche spontane Reden, unter Anderem auch jene des Bürgermeister von Moutier, welcher ankündigte, in Bern eine Interpellation zur Freilassung von Erdogan E. einzubringen. Das Hauptziel, ein Konzert für Erdogan E. zu spielen, wurde voll errreicht. Er konnte uns sowohl sehen, als auch hören und hatte
direkten Blickkontakt mit uns.

Wir möchten uns an dieser Stelle auch beim "Bündnis gegen Ausschaffungen und Auslieferungen in die Türkei" bedanken, ohne welches die Aktion niemals hätte stattfinden können und welches sich seit Monaten vehement für die Freilassung von Erdogan E. einsetzt. Auch möchten wir uns bei allen bedanken, welche die Aktion mit ihrer Anwesenheit unterstützen und sich immer wieder offen mit Erdogan E. solidarisieren.

Wie viele andere Musiker auch, haben wir in diesem Sommer am Sampler "Rock down Asylgesetz" mitgewirkt. Wir haben uns damit gegen die unmenschliche Revision des Asyl- und Ausländergesetzes eingesetzt und in unserem Lied "Bliiberächt jetzt!" gleichzeitig klar gegen jegliche Grenzen Stellung bezogen. Es ist für uns nur eine logische Konsequenz, dieses Engagement auch jenseits von medienwirksamen und prestigeträchtigen Auftritten weiterzuführen. So zum Beispiel dort, wo die mörderischen Auswirkungen unserer
Gesetze täglich spürbar sind: In bzw. vor den Ausschaffungsknästen.

Es gibt viele gute Gründe, den kurdischen Aktivisten Erdogan E. nicht in die Türkei auszuliefern. Es gilt als sicher, dass er auf Grund politischer Repression verfolgt wird; sein angebliches Verbrechen liegt Jahre zurück - Erdogan war damals 15 Jahre alt - und die Türkei ist nach wie vor ein Land, das foltert und in welchem regelmässig Gefangene unter dubiosen Umständen ums Leben kommen. Alle Aussagen gegen ihn wurden unter Folter erpresst. Dies ist jedoch unserer Meinung nach zweitrangig, denn wir sehen die Grenzen als ein Instrument wirtschaftlicher Interessen, welches nur Menschen aus gehobenen gesellschaftlichen Verhältnissen dient. Während die Schranken für Produkte aus aller Welt immer mehr fallen, Schutzzölle aufgehoben werden und beispielsweise landwirtschaftliche Produkte so günstig aus Entwicklungsländern importiert werden, dass die Bauern sowohl hier wie auch dort ihre Existenzgrundlage verlieren, werden die Mauern und Stacheldrähte, die Menschen in ihrem Elend und von "unseren" Grenzen fernhalten sollen, immer höher gezogen.

Wir fordern alle Menschen, egal ob als Einzelpersonen oder in Gruppen organisiert, egal ob als Musiker oder Politikerinnen, egal ob als Expertinnen oder Laien, als Journalisten oder Demonstrantinnen, als ... oder ..., dazu auf, sich für die Freilassung von Erdogan E. einzusetzen und sich direkt mit ihm zu solidarisieren. Wir fordern zudem alle dazu auf, sich gegen die unmenschlichen Ausschaffungen und die ihnen zu Grunde liegenden Grenzen einzusetzen. Hier in der Schweiz, in Europa und weltweit.

Und wir fordern alle Musiker auf dem "Rock Down Asylgesetz"- Sampler dazu auf, ihre Stimme nicht mehr verstummen zu lassen. Zu lange haben Kulturschaffende in der Schweiz geschwiegen und Augen und Ohren zugepresst. Ihr seid diejenigen, die von kulturellem Austausch als erste profitieren und ihn täglich hautnah miterleben können. Und ihr seid jene, die Menschen erreichen können. Bereits in unserer Jugend hörten wir mehr auf unsere Lieblingsband als auf Lehrer und auch als Erwachsene glauben wir eher einem aufrichtigen Sänger, als einem profitorientierten Politiker. Also werdet euch eurer Verantwortung bewusst und "phaltet d Schtemm luut!"


Moutier, 09.08.2006


Oli Second & Trauma (Direct Raption) und Collie Herb (Tribe Vibez)


Infos über die Situation von Erdogan E.:
www.auslieferungen-stopp.ch

Infos über die Situation in türkischen Gefängnissen:
www.amnestyinternational.ch

Informationen über den "Rock Down Asylgesetz"- Sampler:
www.rockdown.ch



Direct Raption ist ein Hip Hop - Projekt, bestehend aus den beiden Rappern Trauma und Oli Second, welches seit Sommer 2005 besteht. Ihr erstes Album ist im Dezember 05 bei Tinnitus Music erschienen und steht unter www.tinnitusmusic.ch gratis zum download bereit. Zur Zeit arbeiten sie an ihrem Zweitling, welcher voraussichtlich im Februar 07 wiederum bei Tinnitus Music erscheinen wird.