Grussbotschaft von Marco Camenisch zum 1.Mai 2007
Zum 8. März und 1. Mai 2007
Liebe Freundinnen und Freunde, Genossinnen und Genossen
Mit ganzem Herzen und viel Aufmerksamkeit bin ich mit euch im ehrlich revolutionären Kampf für die notwendige andere, friedliche, natürliche und gerechte, daher freiheitliche Welt dabei, die aus dem nebeneinander vieler verschiedener Welten und Geschichten besteht.
Wieder einmal danke ich euch für eure Solidaritätsarbeit für und mit uns revolutionären Gefangenen, eine Solidaritätsarbeit, die sich offensichtlich nur wirkungsvoll entwickeln kann, wenn sie unsere unterschiedlichen revolutionären Tendenzen, Methoden und Anstrengungen gegen die Repression vereint. Diese Solidarität finde ich nicht nur im spezifischen Rahmen wichtig, ich finde sie auch wichtig als Mittel und Weg zur Stärkung der Diskussion und Auseinandersetzung der verschiedenen Richtungen und Kräften mit dem Ziel eines allgemeinen und gemeinsamen libertären Vorgehens im revolutionären Kampf und in der revolutionären inhaltlichen Bestimmung, um einen breiten Fluss bilden zu können, der genügend Kraft und Tiefe hat um unseren mörderischen Feind, nämlich Kapital, Staat und Ausbeutung, endgültig zu besiegen und die von uns angestrebte Welt aus vielen verschiedenen gleichwertigen Welten und Geschichten einzurichten.
Der 1. Mai steht vor allem für den Kampf gegen die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Weg, Inhalt und Ziel des revolutionären Kampfes aller Ausgebeuteten der Erde sollten, finde ich, sich jedoch vollständiger und viel grundlegender der Frage der stählernen Einheit Krieg, Technologie und Ausbeutung stellen, dieser Einheit, die seit Beginn der menschlichen Zivilisation und des Patriarchats besteht und wächst. Wir revolutionär kämpfende Ausgebeutete und revolutionär kämpfende Menschen allgemein sollten uns dem mörderischsten und selbstmörderischsten Ausdruck der Krise der Zivilisation, das heisst heute der globalen Krise des kapitalistischen Systems, grundlegend und vollständig stellen. Das heisst, wir sollten uns der Zerstörung der Umwelt und der endgültigen Vernichtung der letzten Menschen, die noch mit ihr zu leben und sie zu erhalten fähig sind, also der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen, der laufenden Ermordung der Erde und ihrer BewohnerInnen aller Arten stellen. Wir können diese entscheidende Frage gewiss nicht den Herrschenden überlassen. Denn die jetzt und in der sehr nahen Perspektive weiter sich überstürzende Verwüstung der Erde nicht sofort, grundlegend und nachhaltig in Frage zu stellen, aufzuhalten und umzukehren würde Folgendes heissen: dass wir für eine soziale Revolution in unseren imperialistischen Ländern eintreten, die sich in der globalen Wüste ansiedeln und entwickeln soll. Was ich baren Unsinn finde. Ebenso wie ich die Übernahme, von den Herrschenden, des Prinzipes der schlicht technophil geprägten Verwaltung des Verderbens baren Unsinn finde. Und zwar denselben Unsinn, ob nun diese Verwaltung des Verderbens ein Katastrophenkapitalismus zur weiteren Profitmaximierung auf Kosten von uns Unterdrückten und Ausgebeuteten ist oder nicht, denn die Verwaltung und Selbstverwaltung wie auch immer des Verderbens oder Untergangs ändert am Endresultat überhaupt nichts. Verderben, Zerstörung und Untergang hat nur eine Lösung, nämlich sie radikal, schonungslos und sofort zu erkennen, aufzuhalten und umzukehren.
Um nicht in unserer relativen Bedeutungslosigkeit zu verbleiben und um in dem bestehenden und zu erwartenden Katastrophenszenario nicht in politischer und gesellschaftlicher Unglaubwürdigkeit völlig wehrlos unterzugehen, sollten wir also dringlichst ganzheitliche revolutionäre Perspektiven entwickeln, vorschlagen und auf allen Ebenen nach und nach in die Praxis umsetzen, bis zum Sieg und natürlich darüber hinaus. Angesichts der aktuellen Ereignisse und Erkenntnisse gehört das zu unseren primären und wichtigsten Verantwortungen in jeder Art von Kampf, den wir führen und unterstützen.
Ebenso wichtig finde ich nach wie vor eine weibliche Bestimmung und Führung der revolutionären Prozesses, des Neuanfanges, selbstverständlich nicht im Sinne und in der Perspektive eines autoritären Matriarchats – das wahrscheinlich Vorläufer und Wegebereiter des Patriarchats war - sondern weil wir nach wie vor einen langen und schwierigen Weg tief aus einer allgemeinen patriarchalen Prägung und Bedingung heraus zu einer Gesellschaft machen müssen, wo Gleichheit der Geschlechter und das Machtgleichgewicht unter den Geschlechtern ein grundlegendster Faktor ist. Wenn wir revolutionäre Männer hier nicht tausend Schritte zurück machen und ihr revolutionären Frauen nicht die notwendigen Schritte nach vorne bis zur weiblichen Übernahme des entscheidenden Wortes in der Richtungsbestimmung und Führung des revolutionären Weges macht, wird uns der uns allen, Männern wie Frauen, eigener Zustand der durchdringenden patriarchalen Prägung und Männervorherrschaft unweigerlich von dem notwendigen Weg und Ziel abbringen, die Gleichheit der Geschlechter im Sinne der selbstbestimmten und gegenseitigen Ergänzung, Machtausübung und Achtung herzustellen.
Ich finde, wir können uns die Idee, noch weniger die sich daraus ergebende Praxis des „Nebenwiderspruchs“ weder in der Geschlechterfrage noch in der Umweltfrage länger leisten, denn diese Ideen und diese illusorische Praxis sind patriarchal und zur patriarchalen Machterhaltung und nicht zum umfassenden Umbruch geeignet.
Herzliche und kämpferische Grüsse, ich liebe euch
marco camenisch, Knast Regensdorf, 25. April 2007